Zur Gartenstadt

Ein fotografischer Rundgang durch die vor der Sanierung leerstehenden Häuser von Dirk Rose

Jedem Tun liegt eine Idee zugrunde. Auch dem Städtebau und dem Wohnungsbau. Wie schafft man preiswerten Wohnraum, im Grünen, mit Sonnenbalkon, nah zur Arbeit und auch nah zum Kindergarten, zur Schule, zur Kirche, zum Einkaufen, zu Ärzten, zu einer Stadt, für Arbeiter und auch Angestellte? Ach ja, fußgängerfreundlich und autogerecht das Ganze, bitte.

Die Idee kam aus England und hieß Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre: Gartenstadt. In der Praxis: Einfamilienreihenhäuser mit Privatgärten und Garagen, zwei- oder mehrgeschossige Zeilenbauten und vereinzelt Hochhäuser mit öffentlichem Grün und Garagen, ruhige Anliegerstraßen, Sammelstraßen, Hauptachsen und Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr.

Sind Sie Krefelder geworden?

Er: Sagen wir mal ja und nein.
Sie: Ja sicher sind wir Krefelder geworden.

Sind Sie beide Gartenstädter?

Er: Ja, kann man sagen,
Sie: Ich fühle mich hier wohl.

Ein Besuch bei den Eheleuten Sinnerbrink. Herr Oskar (73) und Frau Helene (61) sind gerade (Nov. 2012) von der Breslauer Straße in die Gubener Straße gezogen. Vom 2. Stock ins Parterre.

Die Gartenstadt hat Oskar Sinnerbrink fast das ganze Leben begleitet. Das begann vor 40 Jahren auf der Stettiner Straße, damals mit Familie in einer Bayer – Wohnung. Nach kurzer Unterbrechung folgte dann die Breslauer Straße, in den 80ern noch mit Ölheizung. Und seit 14 Jahren lebt er mit seiner Frau Helene zusammen, in der Gartenstadt, natürlich. Aktuell sind die beiden jetzt auf die Gubener Straße gezogen. Nicht ganz freiwillig. Die Häuser werden kernsaniert und gewohnte nachbarschaftliche Bande aufgelöst. Das schmerzt. Doch trotz alledem meint Oskar Sinnerbrink: „Ja, für mich ist das gut, Parterre, da brauch ich nicht die Treppen in den zweiten Stock.“ Gartenstadt ja – Gärtnern: nein. Das gilt zumindest für Herrn Sinnebrink.

Seine Frau dagegen hat den grünen Daumen, was der liebevoll gestaltete Balkon und der ebenso liebevoll gestaltete Vorgarten bezeugen. Das gemeinsame Hobby der Eheleute war der Schützenverein. Da hat man einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. „Wir waren bei fast allen Schützenvereinen hier in Krefeld zu Gast. Wir kennen allemale. Das Schlimmste daran ist das Laufen, wie in Fischeln, da ist der Zug so lang oder das Kopfsteinpflaster von Hüls, das tut einem richtig weh!“ Und da trifft man sich gerne schon einmal. Allerdings nicht in der Gartenstadt: „Sonst ist ja hier ja nix, Zigaretten, Poststelle, Sparkasse, das ist es dann aber auch schon. Kaffee trinken tun wir in Uerdingen, bei Edeka, oben bei Büsch, weil wir da rauchen können, aber jetzt, ab Mai, hört das ja wohl auf, wenn ja, dann bleib ich lieber zuhause.“

Die ganz große Leidenschaft von Helene Sinnebrink gehört den Tieren. „Ich liebe Tiere, ich hatte 13 große Hunde, 9 kleine Hunde, die Kernterrier (?), die hab ich gezüchtet, ich hatte auch den Namen von der Linner Burg, den Zwingernamen, die Hundepension“. Und auch im zweiten Stock konnte sie ihre Tierliebe leben, in der Gartenstadt. Und Frau Sinnebrink gerät ins Schwärmen: „Drüben war es schön. Da kamen die Eichhörnchen, die kamen auf den Balkon in die zweite Etage, es waren drei, sie hatten alle einen Namen, eins war der Hansi, dann die Paula, und dann hatten sie auf einmal noch Anhang, das Kind. Sie kamen den Baum hoch, und vom Baum aus sprangen sie auf die Brüstung vom Balkon, und dann liefen sie bei uns herum. Und dann gab es ja noch unsere Püppi, die Katze, sie hat aber gar nichts gemacht, sie lag auf ihrem Stuhl und die Eichhörnchen liefen einfach herum. Und dann haben sie den Baum gefällt, von der Wohnstätte aus, auf einmal war der Baum weg. Da hab ich aber einen Aufstand gemacht. Der Baum war nicht krank. Die wollten den wegen der Renovierungsarbeiten einfach weg haben. Und umsonst, jetzt wird doch abgerissen. Und dann hab ich mit Herrn Schwarz von der Wohnstätte telefoniert, damit sie Bescheid wissen, ich hänge jetzt von oben nach unten ein dickes Seil. Das können Sie, Sie dürfen das, hat er gesagt. Und dann kamen sie tatsächlich da hoch, alle beide, wir hatten für sie ja alles da, geschälte Walnüsse mit Schalen wollten sie nicht, nein, sie wollten die geschälten haben, die Schalennüsse haben sie in den Blumenkästen vergraben, sie wollten geschälte haben. Hier gibt es auch viele Vögel, Rotkehlchen, alles. Einer, eine ganz seltene Art, ob der hier eingeflogen ist, keiner kennt ihn.“

Und jetzt, hier im Parterre, haben sie ihre Kleine, ein schüchternes Kätzchen, gut ein halbes Jahr alt, das keinem Engel etwas zu leide tut. Denn das ist Frau Sinnebrinks weitere Leidenschaft. Sie sammelt Engel und Spieluhren.

Und als die Sprache auf‘s Ackern kommt und wann man denn mal so richtig geackert hat, da sind sich beide einig:
Er: Also ackern, so richtig arbeiten, das war der Umzug voriges Jahr. Das Gravierende war, um 11 Uhr gehen wir einen Schrank kaufen, für die Wohnung hier, um 12 Uhr waren wir mit dem Schrank zu Hause, und um 13 Uhr lag ich im Krankenhaus. Da bin ich mit der Sackkarre ein paar Stufen die Treppe runter gefallen. Da musste an der Lippe alles genäht werden.
Sie: Und was war mit der Couch?
Er: Die hat ich auf dem Zeh, gefallen, da ging der Nagel ab. Nochmal so einen Umzug – nee, das schaffen wir nicht, da haben wir keine Kraft mehr zu.

Zuerst erschienen im Streuner #2 – Krefeld ackert – Dezember 2013