Draußen ist immer etwas anders

Ein Interview mit Ralf Willuhn – Sportler, Personal Trainer und 1. Vorsitzender des SSF Aegir Krefeld-Uerdingen.
© Philip Lethen

Was bringt ackern in der Muckibude?

Relativ wenig. Fitness heißt heutzutage: sieht schön aus vor dem Spiegel, kann aber nichts. Wichtig ist nicht der äußere Schein, sondern die gute Kondition. Das optimale Training für eine gute Kondition besteht zur Hälfte aus Ausdauertraining, dann zu 20 % aus Koordination, erst an dritter Stelle mit 10 – 15 % kommt die Kraft gefolgt von der Beweglichkeit mit 10%, die muss erhalten werden, und zu guterletzt die Schnelligkeit, die im Durchschnitt nur 5 % des Trainings ausmacht. Das das Krafttraining so im Vordergrund steht, halte ich für eine rein kommerzielle Erscheinung. Wenn überhaupt ackern, dann würde ich sagen: Ackern an der Ausdauer, da kann man was tun.

Welche Rolle spielt dabei das Durchpflügen der Wasseroberfläche?

Also Schwimmen ist natürlich die gesündeste Sportart, das ideale Ausdauertraining, auch gerade für Übergewichtige, wo Laufen keine Alternative ist: das Wasser trägt einen, da kann man schnell eine halbe oder sogar eine dreiviertel Stunde sich bewegen, das Körpergefühl im Wasser ist unerreicht, man kann gleichzeitig entspannen, baut Stress ab und fühlt sich oft sogar etwas größer, wenn man aus dem Becken kommt. Wer damit einmal angefangen hat, hört damit eigentlich nie mehr auf und kann es bis zum Lebensende weiterbetreiben.

Fitness heißt heutzutage: sieht schön aus vor dem Spiegel, kann aber nichts. Wichtig ist nicht der äußere Schein, sondern die gute Kondition.

Wie kommt es, dass man dabei bleibt?

Es gibt den Begriff flow, flow ist der kleine Bruder von runnershigh, dem Glücksgefühl der Läufer, das sich nach über einer Stunde Laufen einstellt. flow ist ein Glücksgefühl, das ein Kraulschwimmer entwickelt, wenn er Kraulen gelernt hat, und jetzt, ich sag mal, eine dreiviertel Stunde locker kraulen kann. Wir haben einem Schwimmer, Egon Jansen, der ist Masterschwimmer im Bereich von 80 Jahren. Es gibt nicht nur die Weltrekordler wie Michael Phelps oder Britta Steffen oder Thomas Lurz. Nimmt man zum Beispiel die Kanalschwimmer, da gab es einen 70- Jährigen und einen Weltrekordversuch, bei dem einen kam es drauf an, die andere Seite zu erreichen und der andere möchte es in 6 Stunden schaffen. Es muss nicht immer in Sekunden und Kilometern gemessen werden, was man selber nach dem Schwimmen fühlt, das hat man, und das kann einem keiner nehmen. Egal wo? Am besten draußen, in der Natur. Das ist ja das Tolle an diesem Verein, wo es einen See mit dem saubersten Wasser aller Krefelder Seen und ein 50 m Freibad gibt und ausreichend Platz und das alles vor der Haustüre, ohne Fliegerei und Kerosin. In Hallenbädern gibt es leider die Gefahr für sehr intensiv Trainierende, Belastungsasthma zu bekommen, in der Luft ist ein Chlorgemisch, das Schwimmer in Hallen vermehrt einatmen. Und dann hallt es in den Bädern oft so unangenehm. Beim Schwimmen draußen gibt es, vom Ausdauertraining mal abgesehen, die wunderbare anti-depressive Wirkung durch die Sonnenstrahlung, und selbst bei bedecktem Himmel wird das Immunsystem gestärkt. Jedes Mal ist es draußen etwas anders: der Wind, das Licht, die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, das Gefühl, wie die Sonne auf den Rücken scheint beim Kraulen, man wird ja fast getragen vom Wasser, die Laute der Natur, also das ist unvergleichlich.

Schwimmen draußen, gut und schön, aber für manche gibt es schon mal zu viel Natur…

Zu viel Natur ist oft im Meer bei ablandigem Wind und zu hohem Wellengang, dann gibt es Quallen und andere unliebsame Gäste. Bei Seen ist schwimmen oft sogar verboten – in Flüssen größtenteils auch – da gibt es zum Teil gefährliche Ufergebiete, mit Glas und Dreck und Müll. Dafür gibt es ja das Freibad. Da zieh´ ich eben einfach meine Bahnen. Aber in der Natur.

Dagegen scheint mir Laufen auf dem Laufband nicht sinnvoll, weil es keinen Bewegungsraum gibt, keine Strecke, …

Und dann startet man seine Schwimmkarriere?

Die wenigsten, die schwimmen, gucken nach Zeiten, viele zählen auch die Bahnen gar nicht mehr mit, es hat was mit Freude am Bewegungsraum zu tun, den man erlebt. Wer eine Stunde geschwommen ist, der braucht gar nicht genau die Zeit, die Länge der Strecke zu wissen, er weiß, was er erlebt hat, er weiß, was er getan hat. Das ist wie beim Laufen. Du nimmst Dir eine Strecke vor, wer die Strecke geschafft hat, der hat Verantwortung übernommen und der hat sein Selbstwertgefühl gesteigert, wer danach die 5 oder 7 Kilometer laufen kann, vielleicht irgendwann 10 km in einer Stunde, der hat da ganz konkret was von diesen 10 Kilometern. Dagegen scheint mir Laufen auf dem Laufband nicht sinnvoll, weil es keinen Bewegungsraum gibt, keine Strecke, wer da eine Stunde auf dem Laufband läuft, dem kann noch jemand sagen, Mensch, lauf doch noch eine halbe Stunde, der ist weder irgendwo angekommen, noch hat er was erlebt, er hat nicht die Eindrücke wenn die Sonne scheint, er hat weder die antidepressive Wirkung des Lichts noch wird das Immunsystem ausgebildet, man muss gerade heute diesen Trends widersprechen, und ganz aktuell: Es kostet außerdem auch noch Strom.

Und wenn mich der Ehrgeiz packt?

Es muss ein Leistungszentrum her für das Schwimmen. Um auch mal in die Medien zu kommen mit Medaillen und Vorbildern, muss den Talenten eine Trainingsmöglichkeit geboten werden. Krefeld ist ein idealer Standort – in Krefeld gibt es sehr schöne Schwimmvereine mit ca. 20.000 Schwimmern – das ist Bundesweit nicht die Norm und das sollte jeder unterstützen, selbst eine Doppelmitgliedschaft ist nicht unbezahlbar. Aber in einem Leistungszentrum muss man ackern, oder? Dort müssen Leistungssportler sicher ackern. Der Breitensportler und Freizeitsportler muss aber nicht ackern. Wer eine Stunde Sport machen kann, der hat eine Stunde Spaß, der Anfänger denkt vielleicht noch, der ackert, dabei geht der Schwimmer seinen Gedanken nach, oder sieht sich einfach die Natur und die Umgebung an.

Schwimmen im Verein – muss das sein?

Die Leute können sich heute unter einem Verein teilweise nichts mehr vorstellen, sie denken, da steht einer mit einer Trillerpfeife von 17 bis 18 Uhr am Beckenrand und dann fährt der Verein wieder weg und trifft sich vielleicht in einer Gaststätte. Es ist schon etwas anders: Man wird natürlich auch zur Mithilfe aufgefordert, das Leben in einem Verein ist für einen Neuling vielleicht etwas ungewohnt, doch es macht Spaß mitzugestalten, es ist nichts kommerziell vorgegeben, nach dem Motto: Was Geld bringt wird gemacht. Diese Vereine sind keine Fitnessstudios, die Eiweißprodukte verkaufen (die bei normaler Ernährung überflüssig sind) und eine Doppelmitgliedschaft wie bei Bayer und bei Aegir kosten zusammen halb soviel wie der durchschnittliche Jahresbeitrag eines Fitnessstudios.

Warum ist das Image der Schwimmer vergleichsweise schwach, wenn man an Golf oder Tennis denkt?

Wenn einer sagt, ich bin Schwimmer, da denkt man schnell, der will ja nur plantschen. Schwimmen ist einfach nicht umsatzstark: Die Badehose hält 20 Jahre, Firmen für Schwimmbrillen werben natürlich kräftig, und trotzdem hält die Brille mindestens zwei Jahre, der Schwimmer braucht kein Eiweißpulver, der braucht keine teuren Ski, der lässt sich kaum vermarkten, da kann wenig dran verdient werden, und die öffentliche Hand hat immer weniger Geld, Schwimmbäder zu betreiben.

Kommen wir zurück zum Aegir: wie sieht ein Urlaubstag am Waldsee mit Freibad in Krefeld-Uerdingen aus?

Der Urlaub fängt schon am Waldparkplatz im Aegir an, das Auto ist abgestellt, und dann hat man vor sich die Natur und die vielen Möglichkeiten des Geländes, Ausspannen auf der Wiese, Schwimmen im Freibad oder im See, Gymnastikraum, Sauna, Tischtennis, Tennis, Kicker, Kraftraum Fußballwiese, Grillen oder Pause auf der Seeterrasse…

Und im Winter?

Da geht man mal mit ner 10er Karte in die Halle, das steigert die Vorfreude auf den Sommer!

Zuerst erschienen im Streuner #2 – Krefeld ackert – Dezember 2013